„Die Wärmewende ist machbar“ – unter diesem inoffiziellen Motto stand der Informationsabend zur Energie- und Wärmewende, zu dem der Ortsverband Tutzing von Bündnis 90/Die Grünen am Dienstagabend in die Lobster Sky Lounge geladen hatte. Mit rund 60 Teilnehmern und Teilnehmerinnen war die Veranstaltung hervorragend besucht und zeichnete sich vor allem durch ihren überparteilichen Charakter aus. Moderator Gerald A. Herrmann begrüßte neben interessierten Bürgerinnen und Bürgern auch zahlreiche Vertreter und Gemeinderatskandidatinnen der Freien Wähler, der Tutzinger Liste und der CSU.
Namhafte und praxisnahe Referenten sorgten mit ihren vielfältigen Kompetenzen und Perspektiven für eine aufmerksame, konzentrierte Hörerschaft: Steven Narrog als Geschäftsführer der schwaben regenerativ gmbh, Tutzings Erster Bürgermeister Ludwig Horn, Dr. Marco Lorenz als Vorstand der Bürgerenergie Tutzing eG und Bernd Pfitzner von der Energiegenossenschaft Fünfseenland eG – EGF. Sowie drei Tutzinger Bürger, die von erkenntnisreichen Technologien im eigenen Haus berichten konnten: Neben Moderator Gerald A. Herrmann auch Familie Kaltenecker aus Traubing und Familie Gottwald aus Obertraubing.
In seiner Einführung betonte Herrmann, dass die Energiewende ein Gemeinschaftsprojekt für ganz Tutzing sei. Ziel des Abends sei es, jenseits von Wahlkampfrhetorik fachlich fundierte Wege zur lokalen Unabhängigkeit von fossilen Brennstoffen aufzuzeigen. Der Handlungsdruck würde wachsen: Während Industrie und Energiewirtschaft ihre CO₂-Emissionen senken konnten, verzeichne der Gebäudesektor zuletzt einen Anstieg. Deshalb müsse der Fokus jetzt auf der Wärmewende liegen. Bei der Erzeugung von erneuerbarem Strom sei bereits viel mehr erreicht. Herrmann ergänzte einige Zahlen: Für Haushalte, die weiterhin auf Gas setzen, seien die Kosten allein im Jahr 2025 im Schnitt um 15 Prozent gestiegen. Angesichts steigender Netzentgelte für Gasnetze drohen bis 2035 zusätzliche Belastungen von bis zu 2.000 Euro jährlich pro Haushalt. Die Gas- und Ölpreise seien durch den Krieg im Mittleren Osten kurzfristig bereits in die Höhe geschnellt. Geopolitische Unabhängigkeit und eine wirtschaftliche Energieversorgung seien am besten durch die regionale Erzeugung von Strom und Wärme zu erreichen.
Sektorkopplung: Strom und Wärme zusammen denken
Steven Narrog, Geschäftsführer schwaben regenerativ gmbh, erläuterte das Prinzip der Sektorkopplung und warum die (Groß-) Wärmepumpe das Rückgrat der Wärmewende bilde. Wärmepumpen seien bereits heute hocheffizient und würden den zunehmend grünen Strommix optimal ausnutzen. Sie würden als Bindeglied dienen, um regenerative Energieüberschüsse aus Wind und Sonne direkt in den Wärmesektor zu übertragen und dort nutzbar zu machen.
Kommunale Weichenstellung und Vision „Seewärme“
Tutzings Erster Bürgermeister Ludwig Horn gab einen Einblick in den aktuellen Stand der kommunalen Wärmeplanung (KWP). Die Gemeinde habe bereits wichtige Vorarbeit geleistet, um Gebiete mit hoher Wärmedichte zu identifizieren, die sich für lokale Netzcluster eignen würden. Ein besonderes Augenmerk liege dabei auf der „Seewärme Tutzing“. Belastbare Details würden jedoch erst mit dem für Sommer erwarteten Gutachten vorliegen.
Bürgerenergie als Motor der regionalen Wertschöpfung
Dass die Energiewende nur gelingt, wenn die Menschen vor Ort beteiligt sind, darin waren sich Dr. Marco Lorenz vom Vorstand der Bürgerenergie Tutzing eG und Bernd Pfitzner von der Energiegenossenschaft Fünfseenland eG – EGF einig. Marco Lorenz unterstrich die Bedeutung lokaler Genossenschaften: Durch die Beteiligung an regionalen Solar- und Speicherprojekten würde nicht nur saubere Energie erzeugt, sondern die gesamte Wertschöpfung bliebe in der Region. Die Bürger würden vom Konsumenten zum Mitgestalter ihrer eigenen Energieversorgung.
„Nur mit einer Energie- und Wärmewende aus Bürgerhand werden wir dauerhaft eine bezahlbare und ökologische Energieversorgung bekommen. Deshalb benötigen wir die Zusammenarbeit von Kommunen, Genossenschaften und Bevölkerung“, so Bernd Pfitzner(EGF).
Beide Redner machten deutlich, dass Genossenschaften das notwendige Kapital und die Akzeptanz bündeln würden, um die Transformation in der Fläche zu beschleunigen.
Praxis beweist: Die Wende im Heizungskeller ist machbar und wirtschaftlich
Der zentrale Teil des Abends gehörte den Praktikern. Drei Tutzinger Beispiele zeigten eindrucksvoll, dass der Abschied von Gas und Öl keine Utopie ist, sondern bereits heute funktioniert – auch im Bestand und unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten:
- Familie Kaltenecker, Traubing: Sie ersetzten ihre 25 Jahre alte, reparaturanfällige Gasheizung durch eine moderne Luft-Wasser-Wärmepumpe. Die Kombination aus staatlicher Förderung (KfW) und der langfristigen Ersparnis bei den Betriebskosten machte die Entscheidung auch betriebswirtschaftlich sinnvoll.
- Familie Gottwald, Obertraubing: Hier wurde ein Bestandshaus mit klassischen Heizkörpern (ohne Fußbodenheizung) von Öl auf Wärmepumpe umgestellt. Nach dem zweiten Winterbetrieb lautet das Fazit: Es funktioniert einwandfrei. Die Ersparnis gegenüber den alten Ölkosten liegt bei ca. 1.500 Euro pro Jahr – ein klares Signal, dass Wärmepumpen auch in älteren Gebäuden hocheffizient arbeiten.
- Eigentümergemeinschaft (WEG), Tutzing: Gerald A. Herrmann berichtete aus der laufenden Umstellung einer größeren Wohnanlage. Hier werden eine PV-Anlage und eine Wärmepumpe kombiniert, um die Nebenkosten für alle Bewohner langfristig stabil zu halten. Daneben sei die Werterhaltung derImmobilie durch die Umstellung auf erneuerbare Energien ein wichtiges Entscheidungskriterium gewesen.
Reger Austausch zum Abschluss
Die anschließende Diskussion spiegelte das große Informationsbedürfnis der Tutzinger wider. In zahlreichen Wortmeldungen ging es um konkrete Fragen der Machbarkeit. Eine wichtige Frage war, ob die Wärmepumpe auch im Altbau geeignet ist. Dies konnte uneingeschränkt bejaht werden.
Lorenz und Herrmann unterstrichen in Diskussionsbeiträgen, dass der Starnberger See eine der vielversprechendsten regenerativen Energiequellen für die Gemeinde darstellen würde.
Der Abend endete mit der Zuversicht, dass Tutzing die Werkzeuge für eine erfolgreiche Wärmewende in der Hand hält – getragen von einer engagierten Bürgerschaft.
Mit freundlichen Grüßen
Kontakt für Fragen: Gerald A. Herrmann
g.herrmann@organic-services.com




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